Samstag, 17. Januar 2009
Ich mag mein Lächeln
Donnerstag, 14. Februar 2008
Prospekte
Schiedermeier konnte seinen Groll vergessen, wenn er Kaffee kochte. Er hielt die Kanne, um sie zu wärmen, in den Dampf, der dem Wasserkessel entwich, gab die Filtertüte in den Filter, peinlich darauf bedacht, keine Falten zu verursachen, setzte den Filter auf die Kanne und goss ein wenig von dem heißen, sprudelnden Wasser hinein, gerade so viel, dass das Pulver leicht befeuchtet wurde und aufquellen konnte. Er beobachtete den Quellvorgang, um im rechten Moment Wasser nachzufüllen, ließ es an den Wänden des Filters hinunter rinnen, drehte dabei Kanne samt Filter so, dass das Pulver gleichmäßig benetzt wurde, ohne aufgewühlt zu werden. Als das letzte Tröpfchen den Filter passiert hatte, lag der Kaffeesatz glänzend wie die Oberfläche eines dunklen Sees.
Der Mensch braucht eine gewisse Regelmäßigkeit, dachte Schiedermeier und schenkte sich eine Tasse ein. Dann nahm er einen Pfannkuchen aus dem Kühlschrank, den er am Vorabend aus dem Eis geholt hatte. Er lächelte grimmig, als er daran dachte, dass Susanne in den ersten Jahren ihrer Ehe frühmorgens zum Bäcker gelaufen war, um ihm frische Pfannkuchen zu holen. Er hatte sich auch immer dankbar und erfreut gegeben, er war ja ein höflicher Mensch, und sie war schließlich seine Frau gewesen. Allerdings mochte er keine frischen Pfannkuchen. Altbacken und bissfest mussten sie sein, so waren sie bekömmlich. Aber Susanne hätte das nicht verstanden, und so sagte er ihr nie etwas. Irgendwann war sie dann auch nicht mehr für ihn zum Bäcker gegangen.
Er war schlecht gelaunt, denn ihm fehlte die Zeitung, die er zum Frühstück zu lesen pflegte. Nach dem Aufstehen war er zum Briefkasten gelaufen, hatte aber keine Zeitung darin vorgefunden, dafür jede Menge Prospekte - Werbeprospekte. Ehe er sich vollends seiner Wut hingeben konnte, fiel ihm ein, dass er die Zeitung abbestellt hatte. Sie war ausgeblieben, auf den Tag genau, aber die Prospekte kamen weiter. Es war zum Verzweifeln, aber Schiedermeier war nicht der Mensch, der verzweifelte. Er kämpfte, nicht hastig, nicht zu emotional, sondern wohlüberlegt und mit System.
Es gab diverse Aufkleber zu kaufen, die vor unerwünschter Werbung schützen sollen, und so gut wie jede Variante hatte schon einmal an seinem Briefkasten geklebt. Schiedermeier hatte Buch über die Wirksamkeit jedes Aufklebers geführt, aber dauerhafter Schutz war ihm nicht zuteil geworden.
Zeitweise schien es ihm, als erhielte er noch mehr Prospekte als zuvor. Er ahnte, dass er es mit einem mächtigen Gegner zu tun hatte, der ihn zermürben und um den Verstand bringen würde, wenn er nicht aufpasste.
Wer konnte sich schon erfolgreich gegen die Werbeindustrie behaupten? Schiedermeier wusste, dass er diesen Kampf allein ausfechten musste.
Dass er seine Zeitung hatte aufgeben müssen, war ein großes Opfer. Aber er sagte sich, dass jede wichtige Sache Opfer forderte. Er hatte Philosophieunterricht an einer Berufsschule gegeben, Jahre lang, Jahrzehnte lang, aber dann war von einem Tag auf den anderen alles, woran er geglaubt hatte, nichts mehr wert gewesen; es waren Leute gekommen, die das behaupteten und sich überall durchsetzten.
Als er seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte, beschloss er, sich trotzdem treu zu bleiben. Susanne hatte zu jener Zeit diesen Mann kennen gelernt, der so gar nicht in sein, Schiedermeiers, Weltbild passte. Er fuhr mit dem Fahrrad, obwohl er ein Auto besaß, lötete Gebilde aus Draht und Metall zusammen und nannte es Kunst. Sie bevorzugten die gleiche Biersorte, und wenn er es nicht auf Susanne abgesehen hätte, wären sie vielleicht miteinander ausgekommen. Aber sie war mit ihm fortgegangen, und seitdem hasste er ihn und wünschte ihm alles Schlechte.
Er hatte die Wohnung belassen, wie sie immer gewesen war, sparsam und zeitlos möbliert. Susanne hatte oft gemeint, es nicht mehr ertragen zu können, aber das waren ihre üblichen Launen gewesen. Er hielt Modetrends für kindisch und hatte gern die vertrauten, einfachen Dinge um sich.
Die Werbung aber suggerierte ständig neue Wünsche und Bedürfnisse, und die Menschen wurden unzufrieden; schließlich vergaßen sie ihre Grundsätze oder zumindest ihre Vernunft.
Schiedermeier wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ihm Frau Seidel, die Postfrau, einen Briefumschlag über den Zaun reichte.
„Guten Morgen“, sagte sie freundlich, obwohl es schon auf Mittag zuging, und er erwiderte ihren Gruß.
Er mochte den Klang ihrer Stimme. Sie war einfach und herzlich, aber nie aufdringlich.
Frau Seidel trug eine dunkelblaue Wetterjacke, Dienstkleidung, und er fand, sie stand ihr hervorragend. Er betrachtete den Briefumschlag, weil er nichts zu sagen wusste.
„Prospekte wollen Sie ja nicht“, sagte sie, um etwas zu sagen.
„Nein, natürlich nicht. Warum sind Sie die Einzige, die das begreift?“
„Ich bin gern die Einzige“, antwortete sie mit einem Funkeln in den Augen, das er nicht bemerkte. Er mochte ihr Gesicht mit den sanften Lachfältchen darin – er kannte es, ohne sie ansehen zu müssen - , er mochte ihr dunkelblondes Haar und ihre schlichte Frisur, und wie immer wich er ihren Blicken aus.
Schiedermeier fühlte sich nach dieser Begegnung wohl und irgendwie aufgeräumt. Die Postfrau steckte ihm nur das in den Briefkasten, was auch wirklich hineingehörte. Sie war eben eine tüchtige, intelligente Frau, viel zu intelligent für diese Tätigkeit, wenn er es genau bedachte, allerdings musste er zugeben, dass eine gewisse Intelligenz schon erforderlich war, um Briefkästen zu bestücken.
In seinem Wohnzimmer angekommen, öffnete Schiedermeier das Briefkuvert. Darin befand sich, wie er vermutet hatte, eine Antwort auf eine seiner vielen Beschwerden.
Die zuständige Handelskette bedauerte den Vorfall und versicherte, dass man in Zukunft aufpassen würde – immer die gleichen, nichtssagenden Ausflüchte. Schiedermeier hatte für jeden Verursacher von Werbemissbrauch eine Akte angelegt. Darin dokumentierte er den schriftlichen und telefonischen Austausch mit verschiedenen Unternehmen, eventuelle Schuldeingeständnisse und auch den Erhalt von Werbegeschenken. Manche dieser Unternehmen pflegten ihren Antwortschreiben Warenproben mit entsprechenden Widmungen beizulegen: „...als kleinen Ausgleich für die entstandenen Unannehmlichkeiten übersenden wir Ihnen aus unserem Sortiment...“
Schiedermeier verachtete die Verfasser solcher Schreiben zutiefst, und er war sich ganz sicher, dass Vergehen dieser Art nicht mit ein paar Konservendosen oder einem Päckchen Kaffee abgegolten werden konnten, aber andererseits sah er nicht ein, warum er diese Geschenke nicht annehmen sollte, denn Unannehmlichkeiten hatte er in der Tat gehabt.
Er beschloss, sich die Tageszeitung zu kaufen. Als er am Grundstück seines Freundes vorbei kam, fiel ihm der frisch gestrichene Zaun auf. Dafür fand Heinz offensichtlich Zeit, aber Gesprächen wich er ständig aus, schützte sein Rheuma vor und verkroch sich in seinem Garten.
Im Zeitschriftenladen bekam er das letzte Verkaufsexemplar seiner Zeitung, aber Ulli, der Verkäufer, wollte sich nicht auf ein Gespräch einlassen. Er müsse Ware annehmen, sagte er. Schiedermeier glaubte ihm nicht.
Auf dem Heimweg traf er Frau Gruhlke, die ihn zu erwarten schien. Sie schwenkte ein paar Prospekte in der Hand.
„Schauen Sie mal, was ich hier habe. Fünf von den Dingern, und jeder kann doch sehen, dass ich allein lebe. In meinem Rosenbeet liegen noch mehr Zettel rum. Gestern habe ich einen von diesen Jugendlichen gefragt, ob er sich denn nicht schämt, seine Arbeit so liederlich zu machen. Da ist der noch frech geworden.“
Schiedermeier nickte.
Frau Gruhlke sah aus wie die meisten Rentnerinnen in der Siedlung. Sie war seit zwei Jahren Witwe und nicht mehr so gut zu Fuß. Ihr Anblick war vertraut und beruhigend.
Auf den Werbeprospekten prangte die Aufschrift „Kaufpark“.
„Heben Sie die Zettel auf, das sind Beweismittel!“ Schiedermeier hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen. Er fand einen Stoß Prospekte unter seinem Briefkasten. Wut und Erregung trieben ihn nach drinnen.
Die Dame vom Kaufpark, die sich am Telefon meldete, kannte ihn bereits. Sie verwies ihn an die Sachbearbeiterin des Zustelldienstes, die ihn ebenfalls gut kannte.
„Was, ein ganzes Bündel? Das ist wirklich allerhand. Wir werden das gleich prüfen.“
„Ja, prüfen Sie mal. Aber ändern wird sich ja wie immer nichts bei Ihnen!“
Wütend legte er auf.
Nach einigem Überlegen fasste er einen Entschluss. Künftig würde er allen Unternehmen ihre Werbung zurückschicken. Die Portokosten musste er in Kauf nehmen, wenn er etwas bewegen wollte.
Susanne war damals einfach so fortgegangen. Keinen Moment hatte sie überlegt und ihm nicht die geringste Chance gegeben.
Vor einigen Jahren hatte er mit dem Gedanken gespielt, gelegentlich Vorträge bei der Volkshochschule zu halten, oft genug hatten sie es ihm angeboten, und er hätte dort auch über Werbemissbrauch sprechen können. Aber wozu sollte er sich nun noch mühen, und für wen?
Bewusster wollte sie leben – was immer das heißen mochte, aber das konnte er auch, er dokumentierte sein Tagewerk, trennte sorgfältig den Müll und besaß sogar einen Spülkasten mit Sparfunktion.
Frauen sind der personifizierte Widerspruch, ging es ihn durch den Sinn, es heißt, sie wollen verstanden werden, aber im Grunde wollen sie es nicht, sie wollen einfach nur nerven.
Frau Seidel war freilich anders.
Am nächsten Morgen vermisste er die Zeitung noch mehr, doch er war entschlossen, keine zu kaufen. Zwei Stunden lief er in seiner Wohnung auf und ab. Dann sah er seine Aktenordner an und begann sie zu hassen.
Er wartete auf Post, und da er wusste, um welche Zeit Frau Seidel zu kommen pflegte, hielt er sich rechtzeitig in der Nähe des Gartentores auf.
An diesem Tag schien sie sich zu verspäten. Schiedermeier schlenderte aus dem Tor, lief ein Stück die Strasse hinunter, begutachtete die Briefkästen, fand jedoch nichts, was ihm missfallen könnte. Wieder zuhause angelangt, sah er, dass die Klebestreifen, mit denen er den Briefkastenschlitz zugeklebt hatte, abgerissen worden waren.
Die dicke Schulzen kam vorbeigefahren und rief ihm zu, dass Frau Seidel frei hätte. Sie reichte ihm einen Werbebrief, den er mit versteinertem Gesicht entgegen nahm. Er drehte sich um und ging ins Haus zurück.
Während er über Susanne und über Frau Seidel nachdachte, blickte er durch das Fenster nach draußen. Der Wind wehte ein bedrucktes Stück Papier über den Rasen.
Am Abend trank er schwarzen Kaffee zu dem altbackenen Pfannkuchen. Er stellte die Uhr nach dem Radio, setzte sich in den kleinen Vorraum am Eingang, wo ihm ein schmales Fenster die Sicht nach draußen ermöglichte. Später, als er müde wurde, holte er sich eine seiner Beschwerdeakten und las darin. Er fing an, ein Kreuzworträtsel zu lösen, was er äußerst selten zu tun pflegte, aber mangels Konzentrationsfähigkeit gab er es bald wieder auf.
Er sah, wie drüben bei Heinz das Licht ausging. Es war gegen zwei Uhr.
Nun löschte auch er das Licht. Von Minute zu Minute wuchs seine Aufmerksamkeit. Er starrte hinaus auf die Straße und lauschte den Nachtgeräuschen.
Kurz nach drei sah er einen Lichtschein, der langsam näher kam. Schiedermeier schlich aus dem Haus und verbarg sich hinter einem Strauch. Das Surren eines Fahrraddynamos kündigte den Boten an, der die Tageszeitungen zustellte und bis vor kurzem auch ihn beliefert hatte. Werbematerial verteilte er nicht, jedenfalls behauptete er das. Die Zeitungen fielen raschelnd in die Briefkästen.
Der Bote war an der Nachbarpforte angelangt und wollte sich gerade wieder aufs Rad schwingen, als Schiedermeier ihn von hinten niederschlug. Er hatte noch etwas rufen wollen.
Schiedermeier sah ihn regungslos liegen. Der Mann war nicht derjenige, den er eigentlich hatte treffen wollen, aber das spielte keine Rolle mehr. Wichtig war, dass er ein Zeichen gesetzt hatte.
Es war ihm, als sähe er Frau Gruhlke lächelnd hinter der Gardine stehen.
Sonntag, 10. Februar 2008
Im Winterwald
Die Luft hier am Hang ist klar, die Konturen sind so scharf, dass sie tief ins Fleisch schneiden, und ich frage mich manchmal, ob meine Schuhe nicht immer noch da unten im Park stehen. Deutlich höre und sehe ich die Schüsse näherkommen (liegt das an der klaren Luft oder meinen geschärften Sinnen), zurück geht es nicht, also weiter; bald wird es rechts und links von mir einschlagen.
Freitag, 30. November 2007
Die dunkle Seite der Bücherkiste
„Britannien in seiner dunkelsten Zeit...“
Während ich darüber nachsinne, woher ich das wohl kenne, muss ich feststellen, dass der Kinofilm „King Arthur“ wirklich ein Film der Superlative war – der Superlative vom anderen Ende der Wertungsskala. Nein, sage ich mir, das scharrst du schnell wieder zu, das ist nicht mal den Plastikchip vom Einkaufswagen wert. Aber meine halbherzigen Versuche genügen nicht, um das Buch in den Abgrund des Wühltisches zu befördern, denn in Wirklichkeit bin ich längst neugierig geworden, ob es tatsächlich so schlecht wie der Film ist. Und ich brauche nicht lange zu lesen:
„Ein Lichtstrahl durchschnitt die Finsternis“, beginnt das Kapitel „Guinevere“, in dem die Guten unsagbar leiden und die Bösen unsagbar grausam sind.
„Als sie die Tür öffnete, fiel abermals jener blendende Strahl kostbaren Sonnenlichts in Guineveres Augen und in ihr Herz, bevor sich die Finsternis wieder um sie schloss.“
Das geht doch nicht... so was kann man doch nicht..., aber ich ahne bereits, der Autor, nach eigener Angabe „Schriftsteller und Filmhistoriker“, will mir auf Biegen und Brechen (im wahrsten, physiologischen Sinne des Wortes) beweisen, dass es dennoch geht.
„Arthur hatte das Zeug zu einem großen Soldaten.“ Absatz.
„Mit gebieterischem Blick stolzierte der zehnjährige Junge durch die Straße. Ab und zu blieb er stehen, um vorbeilaufenden Hunden oder einem der unzähligen imaginären Legionäre, die ihm ergeben durch all seine Abenteuer folgten, knappe Befehle zu erteilen. Hin und wieder zog er sein hölzernes Schwert und schlug sich ungestüm...“
Wann kommt endlich die freundliche Tante im weißen Kittel und nimmt sich dieses Jungen an, möchte man fragen. Und: da ist leider kein Augenzwinkern, keine Ironie, auch wenn es anfangs so scheint. Es geht munter so weiter: die Wälder sind finster, die Kreaturen in den Wäldern geheimnisvoll, die feindlichen Heerscharen endlos, das Schwert Excalibur ist immer wieder legendär, während die Augen der Sterbenden langsam! brechen - Plattitüden ohne Ende. Die wirklichen Highlights sind die Kampfszenen, da schlägt die unfreiwillige Komik die kühnsten Purzelbäume. Entfernte man all das Überflüssige, Abgedroschene, könnte man die Geschichte um einiges kürzen – doch was bliebe dann noch übrig? Hätte ich vielleicht erst all das andere aus der Ramschkiste lesen sollen, um auf diesen Schock einigermaßen vorbereitet zu sein?
Ich klappe das Buch zu und lege es in den Einkaufswagen – dass ich es haben muss, ist längst beschlossen, und wenn es als schlechtes Beispiel dient – kann es aber nicht lassen, den Wagen aller paar Schritte zu parken und weiterzulesen. Selten habe ich mich beim Einkaufen so amüsiert.
„Ohne ein Wort zu verlieren, liebten sie sich auf Arthurs hartem Lager, während die erlöschende Glut des Feuers ihre nackten Körper in einen warmen goldenen Lichtschein tauchte...“
Ich sehe eine Kassiererin näherkommen und fahre schnell in den nächsten Gang hinein, denn wenn sie sieht, wie ich vor dem Kurzwarenregal einen Lachkrampf kriege, macht sie sich vielleicht ernsthaft Gedanken um mich.
„König Arthur und die Ritter der Tafelrunde – eine Geschichte aus den Tiefen des Mythos“, lese ich auf der Rückseite, wo das Preisschild klebt. Es sind wohl eher Untiefen, in denen man zwangsläufig beim Lesen umherplanscht. Dann gehe ich zur Kasse. Dieser Spaß ist mir 2,45 € wert.
Montag, 26. November 2007
Frau D.
Mein Vater kannte die Bademeisterin aus seiner Rettungsschwimmerzeit, und es wurde beschlossen, dass sie mir Unterricht geben sollte. Frau D. war eine braungebrannte Blondine mit Stupsnase und etwas dicken Oberschenkeln. Ein nordischer Typ, hatte sie immer leichten Sonnenbrand im Gesicht, und ihre Stimme klang mild.
An den folgenden Vormittagen lernte ich das Schwimmbad gut kennen. Der ehemalige Ententeich war mit Mauern eingefasst und Leitern versehen worden, aber die Enten hatten sich nicht ganz vertreiben lassen. Sie schwammen im Tiefen, in der Nähe des Abflusses, wo sich die trübe Brühe staute, ehe sie überlief. Frau D., die es mit dem Schwimmunterricht gar nicht eilig zu haben schien, ging ans Ende des Beckens, und ich folgte ihr. Ich sah Spuren von Entengrütze und das Ende des Badebereiches, das durch eine Betonwand markiert war. Dort mussten die Schwimmer umkehren. Weiter hinten war Schilf. Ich dachte an Schlamm, Schlick, Fische und anderes Getier und war mir sicher, das Wasser nicht zu mögen. Gemächlich, fast im Zeitlupentempo drehten ein paar Schwimmer ihre Runden, und ihre Badekappen wippten wie Bälle auf und ab. Frau D. schwatzte mit ihnen. Sie waren Rentner und Dauergäste, und das Beste war, dass sie mich kaum beachteten. Ich aber war, um etwas von ihren Gesprächen aufzuschnappen, an den Beckenrand herangetreten und stellte auf einmal fest, dass das Wasser zu meinen Füßen kaum anders aussah als im flachen Bereich.
Dann nahm mich Frau D. mit ins Sanitätshaus, zu dem nur sie einen Schlüssel besaß. Dort drinnen gab es alles für den Notfall: Pflaster, Verbandmaterial, sogar eine Trage, die aufrecht an der Wand lehnte. Draußen am Häuschen hing ein Rettungsring. Ich berührte ihn – ich hatte noch nie einen anfassen dürfen. Frau D. nahm ihn und warf ihn ins Wasser. Groß und orangerot trieb er davon, bis sie einen Jungen bat, ihn zurückzubringen.
„Er geht nicht unter, der Ring“, sagte ich, und sie nickte.
Hinter den Umkleidekabinen ging es eine Böschung hinauf, und wenn man oben stand, sah man auf einen Karpfenteich herab, in dem Fische wie silberne Schatten dahinglitten. Das Ufer war steil und abschüssig. Auf dem Rückweg passierten wir wieder die Umkleidekabinen, die in Reihen angeordnet und verschiedenfarbig gestrichen waren: gelb, blau, grün und violett. Die letzte Reihe mit den violetten Türen hatte ich noch nie genauer angesehen. Die Leute, die sich dort aufhielten, wirkten etwas sonderbar, standen vor ihren Kabinen, als seien sie entschlossen, sie nicht preiszugeben.
Frau D. zeigte mir ihren Bungalow, der sich im Schwimmbad befand und in dem sie den Sommer lang wohnte. Sie nannte ihn „Datsche“ und genauso sah er auch aus: hell und einfach gebaut, mit Streifentapete und Intarsienbildern an der Wand, einem grauen Sofa und einem Nierentisch.
Eines Tages gab sie mir ein Schaumstoffbrett in die Hände und zeigte mir, wie ich von einer Treppe aus ins Wasser gleiten konnte. Sie nannte es „Fähre“. Ich weiß nicht mehr, wie oft sie mich das üben ließ, ich übte jedenfalls sehr oft und sehr lange. Zuerst klammerte ich mich an das Brett, dann wurde es gegen einen Strick mit Korkringen ausgetauscht, und eines Tages hielt ich nur noch den Strick in der Hand. Da begriff ich, dass mich das Wasser trug.
Von da an lernte ich alles recht schnell: Brustschwimmen, Kraulen und das Springen ins tiefe Wasser, und noch im selben Sommer legte ich die Schwimmstufe ab.
Frau D. ist heute noch Bademeisterin, und ich werde nie vergessen, was ich ihr verdanke.
Samstag, 17. November 2007
In den Wiesen
In den ersten Tagen meiner Schulzeit lernte ich, dass es zwei Wege gab. Der eine führte, gepflastert und beleuchtet, an der Hauptstraße entlang. Dort traf man sich, schwatzte, bildete Grüppchen. Der andere war der Wiesenweg, den man, da er weder von den Eltern, noch von Lehrern empfohlen wurde, irgendwann selbst entdeckte. Kinder, die diesen Weg bevorzugten, waren in der Minderheit, und selten fanden sich welche, die gemeinsam gingen.
Mir gefiel der Weg. Ich mochte den Nebel im Spätherbst, fand es aufregend, das Schulgebäude zu ahnen, wenn ich es nicht sehen konnte. Im Winter stapfte ich durch tiefen Schnee und konnte die Eiszapfen im Sumpf glitzern sehen. Manchmal war der Weg überfroren, und man konnte wunderbar schlittern.
Im Sommer tröstete ich mich mit dem Gedanken daran, dass jeder Schultag irgendwann ein Ende haben würde. Ich dachte an den Heimweg, auf dem wir Gräser und Blumen pflücken würden, und manchmal hatten wir Glück und erreichten die Sumpfdotterblumen, ohne nasse Füße zu bekommen. Das blieb so, bis Tobias in meine Klasse kam.
In seinem hellen Mantel und mit einer braunen Pudelmütze auf dem Kopf stand er an der Straßenkreuzung und brummte vor sich hin. Als ich näher kam, machte er eine einladende Armbewegung und forderte mich auf, einzusteigen.
„Ich habe den Wartburg gerade aus der Werkstatt geholt“, sagte er, „er fährt jetzt ganz zuverlässig.“
Da ich wusste, wie man in einen Wartburg steigt – meine Eltern fuhren auch einen -, spielte ich mit. Tobias war ein ruhiger Junge mit einem zarten Gesicht und rosigen Wangen. An den Schlägereien der anderen Jungen beteiligte er sich nicht, aber er sonderte sich auch nicht ab. Sein Interesse galt Autos und seinem Metallbaukasten.
Von jenem Tag an holte er mich morgens ab, und wir fuhren an der Straße entlang, weil Autos nicht auf Wiesenwegen zu fahren hatten. Unsere Begegnungen beschränkten sich auf den Schulweg, denn wir waren noch in dem Alter, da sich Mädchen und Jungen außerhalb der Schule aus dem Wege gingen.
Nahe bei den Wiesen, in einem großen Mietshaus, wohnte Katrin. Meine Mutter hatte beschlossen, mir Katrin als Freundin zu verordnen. Manchmal lieferte sie mich bei ihr ab, aber meist war Katrin bei uns. Dann ging sie meiner Mutter in der Küche zur Hand und plauderte mit ihr. Katrin war geschickt, fleißig und naschhaft. Bei uns gab es immer etwas zu naschen. Bei sich zu Hause kochte Katrin selbst. Wenn ich sie besuchte, stand sie meist in der Küche und schälte Kartoffeln. Ihrer jüngeren Schwester, die ebenfalls gern naschte, bekamen Annäherungsversuche schlecht – Katrin hütete die Kartoffeln gewissenhaft und teilte notfalls Ohrfeigen aus. Oft holten wir ihren jüngeren Bruder vom Kindergarten ab. Katrins Eltern arbeiteten in einer Fabrik und kamen spät nach Hause. An den Wochenenden besuchte ich Katrin ungern. Ihre Mutter war nett, sah aber immer abgespannt aus. Wenn sie mich hereinbat, traf ich meist auf Katrins Vater, der fast immer in Unterwäsche war und seine Kinder anbrüllte, dass einem die Ohren klingelten.
„Er braucht seine Ruhe“, sagte Katrin dann entschuldigend, und es klang liebevoll. Katrin las viel und liebte Fremdsprachen. Sie schnitt sich die Haare raspelkurz und freute sich, wenn man sie für einen Jungen hielt.
Zeitweise stand mir Marion näher. Ihre Familie lebte in einem Haus nahe der Dresdner Heide. Marion war ein Einzelkind, das vorwiegend von der Großmutter betreut wohnte. Ihre Eltern waren meist unterwegs auf ausgedehnten Dienstreisen. Ihr Geburtstag war immer ein großes Ereignis und der einzige Tag im Jahr, an dem sie ihre Freundinnen einladen durfte. Es gab ein fremdländisches Menü, und zum Abschluss des Abends führte ihr Vater Zauberkunststücke vor. Marion war beliebt. „Sie ist so vernünftig“, sagten meine Eltern anerkennend. „Sie ist so apart“, sagte meine Großmutter, und ihr Werturteil wog, da sie sonst kaum Fremdworte benutzte, um so schwerer. Marion pflegte zu bekommen, was sie wollte, aber sie war nicht maßlos. Sie hatte keine besonderen Interessen, außer dass sie Klavier spielte, weil ihre Eltern das wünschten. Sie mochte Katrin nicht. Manchmal bedrängten mich ihre Freundinnen, Katrin die Freundschaft zu kündigen, sie sei kein Umgang für mich. Marion hatte sich wahrscheinlich dafür entschieden, ihnen die Überzeugungsarbeit zu überlassen. Aber so richtig ließ ich mich nie überzeugen.
Babette mochte ich am liebsten. Sie war ein Jahr jünger als ich. Das erste, was ich von ihr hörte, war ihr Lachen. Sie war mit ihren Eltern ins Nachbarhaus gezogen, ein riesiges Haus mit riesigem Garten darum. Wochentags wurde sie von einem Kindermädchen betreut. Ihre Eltern waren höflich und zurückhaltend, sie waren eine idyllische kleine Familie, und Babette war ein Kind, das man ohne Hintergedanken glücklich nennen konnte. Eines Tages stand sie am Zaun und beobachtete uns beim Spielen. Mein Bruder und ich waren wieder einmal dabei, unseren Sandkasten auszuschachten. Dass der Sandkasten meist über Nacht wieder zugeschüttet wurde, kümmerte uns wenig. Wir gruben jedes Mal tiefer. Es sollte ein Versteck für uns werden, aber ein wenig hofften wir auch, einen Schatz zu finden.
„Ihr findet höchstens die alte Gasleitung“, kommentierte Babette unsere Bemühungen.
Sie schob ein paar lose Zaunslatten beiseite und kletterte hindurch. Dabei hielt sie sorgfältig ihren Kleidersaum fest. Ihr Haar war goldblond; sie war etwas pummelig und hatte ein rundes Gesicht mit Stupsnase. An jenem Tag trug sie ein rosa Perlonkleid mit Rüschen und Punkten, drehte sich vor uns im Kreis, ließ sich bewundern und stellte dann klar, dass sie nicht mitspielen könne – des Kleides wegen. Also schaute sie uns zu und gab Anweisungen, die ich sofort befolgte. Meinen Bruder beachtete ich kaum noch. Obwohl sie sich bestimmt ebenso von uns angezogen fühlte, wie wir uns von ihr, kam sie selten spielen. Ganze Nachmittage saß sie über den Schulbüchern und lernte.
„Von nichts kommt nichts“, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Genauso gut konnte sie aus der Rolle fallen. Manchmal verkleideten wir uns, zogen durch die Gegend und klingelten ganze Straßenzüge heraus.
Eines Tages kaufte meine Mutter eine Dreiviertelhose für mich. Auffällig geschnitten, wie sie war, wollte ich sie nicht anziehen. Babette brachte ihre Mutter dazu, uns die Hose abzukaufen. Sie trug sie mit bunten Ringelstrümpfen. Es gab niemanden, mit dem sie nicht klar kam. Selbstverständlich übernahm sie die Führung.
Meine Mutter forderte mich auf, meiner Puppe einen Namen zu geben.
Babette, deren Mutter Kinderärztin war und Kurse über Säuglingspflege gab, nahm alles, was mit Puppen zusammenhing, äußerst ernst.
„Es gefällt mir nicht, dass deine Puppe so einen dreckigen Mund hat“, sagte sie energisch, und umgehend putzte und scheuerte ich die Gesichter aller meiner Puppen. Dann fragte ich Babette, wie ich die Puppe nennen sollte.
„Carola“, sagte sie, „das ist modern.“
Und so nannte ich die Puppe Carola.
Tobias konnte Marion nicht leiden, und so ging ich Marion aus dem Weg. Unser Phantasie-Wartburg wurde zum Polizeiauto, mit dem wir sie verfolgten und observierten. Marion ignorierte Tobias und vorübergehend auch mich. Nur dann, wenn er mich morgens verpasste, ging ich mit ihr. Aber Tobias verpasste mich selten. Gerade, als unser Spiel am meisten Spaß machte, kam uns Robert in die Quere. Er wohnte in der Nachbarschaft, war zwei Jahre älter als ich und ein Cousin von Babette. Sie verhielt sich ihm gegenüber nicht wie die kleine Cousine, eher wie eine nachsichtige Tante. Robert hatte keine Freunde, aber weil auch er nicht ohne Gesellschaft sein konnte, hatte er meinen jüngeren Bruder zum Spielgefährten auserwählt. Ein geduldigeres Opfer konnte er nicht finden. Robert schenkte Micha Spielsachen, um sie ihm im nächsten Moment wegzunehmen, schwor ihm Freundschaft, gab ihm die Hand darauf und drehte ihm den Arm um. Er stiftete ihn zu Streichen an und verpetzte ihn. Micha brachte es nicht fertig, den Kontakt abzubrechen. Wir alle hassten Robert, bis auf Babette, die ihn einen Feigling nannte. Ihr tat er nie etwas.
Als uns Robert entgegenkam, erwartete ich, dass er uns beschimpfen würde, aber er sagte nichts, sondern warf Tobias mit einem Judogriff ins Gras. Als Tobias sich aufrappelte, warf er ihn erneut hin. Tobias erhob sich langsam. Robert nahm noch einmal Anlauf, als wolle er angreifen, lachte aber und ging weiter. Wir standen etwas ratlos da. Tobias hatte rote Flecken im Gesicht.
„Gegen den haben wir keine Chance“, sagte ich, „lass uns verschwinden.“
Am nächsten Tag war Tobias krank, und ich ging allein zur Schule. Im Schulhaus tobte eine Hausschuhschlacht. Unser Schuhregal war geplündert worden, und die Hausschuhe flogen kreuz und quer durch die Etagen. Jungen aus Roberts Klasse waren am Werk, ihn selber sah ich nicht.
Die Schlacht hatte ein Nachspiel. Vor Beginn der ersten Stunde erschien unsere Klassenlehrerin, Frau P., in Begleitung der Direktorin. Sie machten ernste Gesichter und fragten uns, ob wir beobachtet hätten, wer denn die Schuhe geworfen hat.
Frau P., war eine ältere, elegante und strenge Dame, die sich über jeden Schülerstreich tief zu entrüsten pflegte. Sie unterteilte ihre Schüler in Bösewichte, die, einmal dieser Kategorie zugeordnet, ihr nie mehr entkamen, in eine große Mittelschicht, die sie mit vornehmer Gleichgültigkeit behandelte, und ihre erklärten Lieblinge, die ausschließlich Mädchen waren. Ich war brav und schüchtern und gehörte zu den Lieblingen. Katrin gehörte nicht dazu, und Frau P. gab sich jede Mühe, mich von ihr fernzuhalten. Warum sie das tat, habe ich nicht verstanden. Vielleicht lag es an Katrins Frisur.
In jener Stunde meldete ich mich und sagte aus, Robert sei der Anführer der Hausschuhwerfer gewesen. Selbstverständlich glaubte mir Frau P., und Robert erhielt einen Verweis, dem er wahrscheinlich, weil er nur einer von vielen war, keine große Bedeutung beimaß, während ich erstmals Genugtuung empfand: Ich hatte eine Möglichkeit gefunden, es ihm heimzuzahlen.
Ein einziges Haus stand seit eh und je in den Wiesen. In der Vergangenheit waren Versuche gemacht worden, den Sumpf zu bebauen. Man hatte Gräben gezogen, den Bach in Rohren unter die Erde verlegt, Kies und Erde aufgeschüttet, Fundamente errichtet. Ein Hotelbau wurde gestoppt, weil die Grundmauern abrutschten. Gartenlauben wurden gezimmert und wieder aufgegeben. Nur das eine Haus, ein Bestattungshaus, wurde, so schien es, von der Natur geduldet. Jahrelang hatte es grau und unscheinbar dort gestanden, mit undurchsichtigen Vorhängen verhangen und kleinen, schwarzen, makaber aussehenden Skulpturen im Schaufenster. Die Schrift über der Tür war verblasst. Es schien so, als hätten die Bewohner des Hauses ihr Geschäft längst aufgegeben. Wir dachten uns manchmal Gruselgeschichten aus. Wenn im Herbst die Krähen über dem Haus kreisten, war das „ein Zeichen“. Wir malten uns aus, im Keller lägen noch Leichen, die nicht beerdigt worden seien und deren Geister des Nachts in den Wiesen ihr Unwesen trieben.
Eines Tages rollten Lastwagen den Wiesenweg hinunter. Bauleute kamen und rissen Fenster und Türen aus dem Haus. Neue, größere Fenster und Türen wurden geliefert und eingebaut. Das Haus wirkte bald wie ein großer Glaskasten. Gerda, die neue Besitzerin, zog ein. Sie war immer in Pullover und Jeans zu sehen, trug ihr langes Haar offen und wirkte auf seltsame Weise jung, obwohl sie mindestens so alt sein musste wie unsere Mütter. Ihr dunkler Kombi war im Ort und in der Umgebung unterwegs, und manchmal konnten wir sehen, wie sie in die Garage fuhr und das Tor hinter sich zuschloss.
Was in dem Kombi war, wusste jeder, aber niemand sprach es aus.
Zu dieser Zeit zog Tobias in eine andere Stadt. Ich trauerte ihm nicht lange nach, denn wir waren älter geworden, und ich wusste, dass wir früher oder später das Wartburgfahren aufgegeben hätten.
In der Schule wurde ich nach hinten gesetzt, auf die letzte Bank, neben Rolf. Rolf war groß und massig, hatte eine Fistelstimme und war etwas ungeschickt. Manchmal brach der Stuhl unter ihm zusammen, oder er fegte mit seinen Armen Dinge vom Tisch, mal seine, mal meine. Wegen seiner Ungeschicklichkeit wurde er in der Klasse „Trampeltier“ genannt. Wenn ich mich über sein Verhalten empörte, kicherte er, aber manchmal brach er ohne erkennbaren Grund in Tränen aus, was allgemeines Gelächter zur Folge hatte.
Frau P. hatte ein neues Unterrichtsfach eingeführt: Schönschreiben. Uns wurden, ähnlich wie im ersten Schuljahr, Wörter und Wortgruppen vorgegeben, die wir so schön wie möglich in unser Heft schreiben sollten. Ich freute mich darauf und wollte mein Bestes geben, die Buchstaben nicht einfach schreiben, sondern malen, zelebrieren.
Während ich das erste Wort schrieb, stieß Rolf gegen die Bank, so dass mein Versuch missglückte. Ich gab ihm zu verstehen, was ich davon hielt, und schrieb weiter.
Er stieß stärker gegen die Bank und kicherte. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber es gelang mir nicht: Er hob die Bank auf seine Knie und ließ sie hin- und herschaukeln. Ich sah die Wellen- und Zickzacklinien auf meinem Papier, die einmal Worte werden sollten, Schönschreibworte, und musste lachen. Wir lachten beide, bis Frau P. aufmerksam wurde. Sie kam näher, sah erst mein Heft, dann mich an und äußerte vorwurfsvoll, dass sie so etwas nicht von mir erwartet hätte. An diesem Tag bekam ich meine erste Fünf, die schlechteste Note, die vergeben wurde. Ich war stolz darauf und begann zu ahnen, dass mir ein paar weitere schlechte Zensuren ganz gut tun würden.
Seitdem das Bestattungshaus renoviert worden war, ging ich öfter durch die Wiesen: morgens allein, mittags mit Katrin und Marion oder mit einer von beiden. Manchmal konnten wir Robert um das Haus schleichen sehen. Ich schrieb diese Neugier seiner Dreistigkeit zu und wunderte mich nicht weiter darüber.
Dann kam ein verregneter Herbst, der das Wasser in den Wiesen steigen ließ. In den ersten Dezembertagen froren sie zu. Eines Morgens hielt das Eis, und am Nachmittag trafen wir uns dort wieder. Auch Babette kam mit ihren Schlittschuhen. Katrin hatte sich Schlittschuhe geliehen, Marion war ausnahmsweise freundlich zu ihr, und sogar Micha wurde von uns geduldet. Babette und ich drehten immer schnellere Runden um gefrorene Grasbüschel; wir sangen Lieder, denen wir neue, freche Texte andichteten.
Katrin mahnte uns zur Ruhe. Ein Teil der Wiesen, und zwar der, auf dem wir gerade Schlittschuh liefen, gehörte Martins Großvater. Sie erwähnte ihn nur hinter vorgehaltener Hand und meinte, dass er sehr streng sei. Martin lebte bei ihm, weil er keine Eltern mehr hatte. Er war ein zierlicher, schmuddliger Junge, der bei lauten Geräuschen und plötzlichen Bewegungen heftig zusammenfuhr. Katrin kümmerte sich ein wenig um ihn, brachte ihm, wenn er krank war, die Schulaufgaben und gab ihm Nachhilfestunden. Martin suchte Anschluss an die Wortführer der Klasse und schubste und beschimpfte Katrin vor den anderen.
„Er meint das nicht so“, sagte sie immer.
Martin tauchte bald auf. Er kam näher und strich um uns herum.
Katrin sprach ihn an.
„Meinst du, dein Opa meckert uns aus?“
Er winkte er ab und wischte sich mit dem Ärmel die Nase.
Babette reichte ihm ein Bonbon.
„Echte Sahnebonbons“, sagte sie und reichte die Tüte weiter.
Martin blickte über die Wiesen hinweg und zum Sumpf hinüber.
„Hier kommt alles weg“, sagte er. „Mein Opa hat verkauft, und bald wird gebaut.“
Wir drehten noch ein paar Runden auf dem Eis, aber ich verlor bald die Lust. Plötzlich war ein Stück unserer Kindheit bedroht. Wieso konnte jemand, der nie in den Wiesen spielte und niemals Blumen pflückte, all das verkaufen?
Die Nachricht erwies sich als Halbwahrheit. Eine angrenzende, höher gelegene Wiese wurde umgepflügt. Im Frühjahr kamen Lastwagen und luden Holz ab. Langsam sprach sich herum, dass ein großer Abenteuerspielplatz gebaut werden sollte.
Das gefiel mir nicht, denn ein Spielplatz würde vor allem Kinder anziehen, viele Kinder. Ich sah sie scharenweise durch unsere Wiesen stromern, unsere Blumen zertreten und im Winter mit den Stiefeln das Eis zerhacken.
Der Spielplatz wurde schnell gebaut. Nach der Eröffnung, die ich über mich ergehen ließ, weil meine Mutter es so wollte: „Geh doch da hin, es ist ein Fest!“ (nichts erzeugte mehr Unlust in mir als das Wort „Fest“) und einigen turbulenten Wochen wurde es ruhiger. Der Spielplatz gehörte nun zu unserem Viertel wie alles andere auch, und manchmal, nach der Schule, gingen wir hin und kletterten über die Hängebrücke oder hockten in den kleinen Holzhütten. Eines Tages ging ich allein von der Schule nach Hause und beschloss, einen Umweg über den Spielplatz zu nehmen. Der Weg von den Wiesen zum Spielplatz führte über einen Damm hinweg, und unterhalb des Dammes befand sich das Bestattungshaus. Ich blieb einen Moment stehen, sah mir das Haus an und fand, dass es, seit Gerda darin wohnte, wirklich gewonnen hatte. Dann fiel mir mein Vorhaben wieder ein.
Der Spielplatz war still und verlassen, wie ich gehofft hatte. Ich kletterte hoch auf den Aussichtsturm und sah schadenfroh in Richtung Schule, wo um diese Zeit noch unterrichtet wurde. Dann rutschte ich am Seil hinunter und sprang in den Sand. Ich kletterte noch einmal hinauf, nahm den Weg über die Hängebrücke und tat, was ich noch nie getan hatte: Ich sprang von der Hängebrücke hinunter in die Tiefe. Dann lief ich hinüber zu den Hütten, aber als ich eben in eine hineinklettern wollte, sah ich Robert auf den Spielplatz kommen. Ich war mir nicht sicher, ob er mich schon gesehen hatte, aber das spielte keine Rolle mehr: Im nächsten Moment würde er mich sehen. Ich war wie gelähmt und dachte nicht einmal daran, wegzulaufen.
„Hi“, rief er und spuckte in den Sand.
Er war größer und dünner geworden. Das Haar trug er kurz rasiert und rot gefärbt. Eng umschlossen die Jeans seine Spinnenbeine. Natürlich rauchte er.
„Mischi soll mal wieder zu mir kommen, ich hab was für ihn.“
Er zog an seiner Zigarette. Ich hasste ihn.
„Er kommt nicht mehr zu dir.“
„Kaugummibilder. Normalerweise tausche ich die, aber Freunde kriegen sie geschenkt.“
„Mir doch egal.“
Ich rechnete damit, dass er mich angreifen und hinwerfen würde, aber nichts dergleichen passierte.
„Hast du eine Schreibmaschine?“
„Nein.“
Ich hatte keine Ahnung, wozu er eine Schreibmaschine brauchte, aber das ungute Gefühl, dass er mich reinlegen wollte. Mein Vater besaß eine Schreibmaschine, auf der ich von Zeit zu Zeit tippte, wenn er nicht zuhause war.
„Jeder Schriftsteller braucht eine Schreibmaschine“, sagte Robert, zog an seiner Zigarette und starrte in den Himmel.
„Man kann auch mit der Hand schreiben“, sagte ich und bereute es augenblicklich.
„Ja, ich weiß“, sagte er und grinste.
„Ich weiß, dass du schreibst“, fuhr er nach einer Weile fort, „Ich schreibe auch.“
„Du spinnst“, sagte ich.
Er grinste noch immer.
„Du musst mich küssen“, sagte er, „schließlich musst du wissen, wie das ist, wenn du darüber schreiben willst.“
Ich nahm all meinen Mut zusammen und stieß ihn in die Brennnesseln.
Lachend versuchte er, sich aufzurappeln, aber ich ließ ihn gar nicht hochkommen, sondern trat mit ganzer Wucht zu. Er krümmte sich, feixte ungläubig, sprang auf und rannte davon.
Als ich nach Hause ging, fiel mir einiges ein, das ich bisher nicht einordnen konnte. Wirre, brutale Geschichten, die er mir erzählt hatte, als ich kleiner war. Sprüche, die er hingekritzelt hatte, Verse, die ich in Michas Büchern gefunden hatte, und von denen ich nicht wusste, woher sie stammten. All das machte mich wütend. Robert sollte aus meiner, aus unserer Welt verschwinden, aber ich befürchtete, dass mein Wunsch immer ein Wunsch bleiben würde. Von diesem Tag an verzichtete Robert auf Michas Gesellschaft, und mir ging er aus dem Weg. Manchmal gingen Mädchen bei ihm aus und ein. Ab und an wechselte er die Haarfarbe.
Ein paar Tage danach stieß mich Rolf in die Seite, wie immer, wenn er mir etwas mitteilen wollte.
„Gibst du mir Old Shatterhand?“
„Was?“
Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete.
„Old Shatterhand.“
Er zog ein knittriges Bündel Kaugummibilder aus der Tasche, breitete ein besonders vergilbtes auf der Bank aus und deutete darauf.
Den Mann auf dem Bildchen fand ich weder interessant noch gutaussehend.
„Ich hab so was nicht“, sagte ich und dachte an Robert, der meinem Bruder Kaugummibilder versprochen hatte.
„Aber wenn du mal eins hast, vermachst du es mir?“
Ich nickte gleichgültig.
Eines nachts warf sich Robert vor einen Zug.
Die Erwachsenen, die ihn gekannt hatten, murmelten etwas von Mitleid und Einsamkeit, und dass ihm immer etwas gefehlt hätte. Ich hasste ihn wie eh und je. Dafür, dass wir eine Gedenkminute für ihn einlegen sollten, dass wir über ihn nachdachten, dass ich über ihn nachdachte.
Einmal blieb ich vor dem Bestattungshaus stehen.
Gerda schaute zur Tür heraus und forderte mich auf, einzutreten.
Ich überlegte einen Moment, schüttelte den Kopf und trat ein wenig zurück.
„Robert war oft bei mir, und er ist auch hereingekommen“, sagte sie und wich ebenfalls zurück.
Als ich nach Hause ging, ahnte ich, dass ich ihn falsch eingeschätzt hatte.
Wenig später kam Jakob in meine Klasse, und bald besuchte er mich regelmäßig. Wegen seiner sanften Art wurde er von vielen Mitschülern verspottet. Auch Babette mochte ihn nicht. Über den Gartenzaun hinweg rief sie mir zu:
„Wenn du dich mit d e m abgibst, bin ich nie mehr deine Freundin. Du musst dich entscheiden: Er oder ich.“
Ich dachte, dass sich die beiden aneinander gewöhnen würden, aber Babette hatte es ernst gemeint, und so tauschte ich die beste Freundin gegen den besten Freund ein. Katrin wechselte aufs Gymnasium, und wir sahen uns nur noch selten. Marion wandte sich ihren anderen Freundinnen zu, aber wir verloren einander nicht aus den Augen.
Ich fing an, Kaugummibilder zu sammeln. Bald hatte ich auch Old Shatterhand, aber ich gab ihn nicht weg, sondern behielt ihn selbst.
